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Schlagwort: Übertragung

have a therapeutic attitude


Darf ich als Therapeut*in meine Meinung äußern?

Auf Instagram habe ich in meinen Stories die Frage gestellt, wie es heutzutage mit der therapeutischen Haltung aussieht. Muss ich als Therapeut*in das weiße, unbeschriebene Blatt sein, dass im psychoanalytischen Sinne zu möglichst vielen Übertragungen einlädt? Oder darf ich als Therepaut*in auch meine Meinung äußern und z.B. politisch sein?

Die Frage wurde glücklicherweise nicht eindeutig beantwortet. Denn so einfach zu beantworten ist sie gar nicht.

Was bedeutet therapeutische Haltung?

Ganz klar, es geht um eine Mischung aus Ethik und Authentizität. 

Grundsätzlich gilt natürlich, dass Therapeut*innen ihren Klient*innen gegenüber empathisch, offen und zugewandt sein sollten. Gleichzeitig sollte Raum für Übertragungen da sein, so dass den Klient*innen dadurch ermöglicht wird, ihre Gefühle erlebbar zu machen und sich mit ihren neurotischen Konflikten auseinanderzusetzen (in der Kunsttherapie funktioniert das übrigens auch mit den entstandenen künstlerischen Werken).

Aber ich darf auch als Therapeut*in tätowiert sein, mich für (ausgefallene) Mode interessieren oder mir die Haare färben. Ohne Authentizität wird es auch gar nicht gehen, denn wir sind die Gebilde all unserer Erlebnisse und Beziehungserfahrungen und unsere Klient*innen suchen uns schließlich, ob wir wollen oder nicht, danach aus, ob sie mit uns zurechtkommen und wir ihnen sympathisch sind, so dass sie uns vertrauen wollen. Eigenschaften, die wir uns auch nur bedingt antrainieren können und die bei jedem Menschen anders ausfallen, da jede*r sie anders empfindet. 

Und natürlich habe ich da noch ein Privatleben, in dem ich Hobbies nachgehe, in den Urlaub fahre, mich engagiere, habe Familie und Freunde und meist habe ich sogar selbst ein kleines Päckchen zu tragen, mit dem ich mich auseinandersetzen muss oder das mich belastet.

Welche Tabus gibt es?

Aber hier genau gibt es eine sehr deutliche Grenze: Mein Privatleben hat nichts in der Therapie zu suchen. Und damit meine ich nicht die Sammlung an Büchern oder die Lieblingsteesorte, auch wenn, wie Watzlawick schon gesagt hat, niemals nicht kommuniziert werden kann, sondern ich meine persönlichen Ansichten.

Ich befinde mich nämlich auf keinen Fall in der Position zu bewerten, zu belehren oder mich einzumischen. Das ist nicht die Aufgabe von Therapeut*innen.

Ich gehe grundsätzlich immer davon aus, dass meine Klient*innen zu mir kommen und Expert*innen für ihre Anliegen und ihr Leben sind. Es gibt kein richtig oder falsches Erleben, nicht den einen Weg. Ich helfe meinen Klient*innen konkret dabei, diese mit dem Medium der Kunst nach außen zu transportieren, zu reflektieren, die Perspektive zu wechseln, andere Blickwinkel aufzuzeigen und nach Lösungen zu suchen. Der individuell passende Weg wird gesucht und kann unvorstellbar unterschiedlich aussehen (wie das übrigens auch in der Kunst der Fall ist). Für mich ist dabei die Frage nach dem „Wie kommuniziere ich?“ wichtig und diese beinhaltet dann mögliche Tabus.

Ich bin nämlich als Therapeut*in nicht in der Position, auch wenn ich persönlich es vielleicht für richtig halten mag, Ratschläge für die Lebensgestaltung zu geben z.B. zu sagen, dass ich bei problematischen Schlafverhältnissen in der Familie ein Familienbett vorschlage, weil ich persönlich gute Erfahrungen damit gemacht habe. Aber ich kann die richtigen Fragen stellen, kann dazu einladen zu imaginieren, welche Möglichkeiten es gibt, und gemeinsam durchgehen, wie besserer Familienschlaf zustande kommen könnte. Wie geschrieben: Individuell in jedem Fall neu. Das dient nur als Beispiel (und macht im Übrigen den Beruf wahnsinnig spannend, herausfordernd und abwechslungsreich, denn es gibt niemals den einen Königsweg).

Warum ich mir diese Frage stelle?

Und dann poste ich hier seit ein paar Wochen in den sozialen Netzwerken, wie wichtig ich es finde, dass der §219a abgeschafft wird und dass sich die Geburtshilfe endlich ändern muss. Denn so kann es nicht weitergehen, sondern es ist sogar höchst gefährlich für die Entstehung von Bindungsstörungen, Traumatisierungen etc. Noch dazu rufe ich dazu auf, laut zu werden, Jens Spahn zu nerven oder Vereine, wie die Elterninitiative „Mother Hood e.V.“ (https://www.mother-hood.de/aktuelles/aktuelles.html) und die temporäre von Hebammen ins Leben gerufene Initiative „Lieber Jens“ (https://www.lieberjens.de) zu unterstützten. 

Ich kann aber für mich mit gutem Gewissen sagen, dass es mir um gesundheitspolitische Themen geht, die Einfluss auf meinen Beruf haben. Ich habe meine Berufung gewählt, weil ich mich für Frauen und ihre Rechte einsetze und stark mache. Und deshalb vertrete ich auch hier eine ganz klare Meinung.

Und was heißt das jetzt?

Insgesamt habe ich selbst für mich keine abschließende einheitliche Meinung getroffen. Ich frage mich jedes Mal wieder von Neuem, ob ich zu meiner Meinung nun stehen kann, ob sie angebracht ist oder ob sie Einfluss auf mein Verhältnis zu meinen Klient*innen haben könnte. 

Und das ist vermutlich die Lösung des ganzen Problems: Ich muss mich und meine Rolle jedes Mal wieder von Neuem reflektieren, hinterfragen oder auch supervidieren lassen, um gute Arbeit machen zu können.

Zum Weiterlesen:

  • Dannecker, Karin: Psyche und Ästhetik. Die Transformationen der Kunsttherapie, 2., durchgesehene Auflage, Berlin 2010.
  • Sachsse, Ulrich: Traumazentrierte Psychotherapie, Theorie, Klinik und Praxis, Stuttgart 2004.

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