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Schlagwort: Kunsttherapie

(Unnecessary) self-optimization or an offer of help?

(Unnötige) Selbstoptimierung oder (tatsächliches) Hilfsangebot?

Heute morgen wurde mir auf Facebook angeboten, wie ich meine Eizellenqualität verbessern könnte, so dass ich auch jenseits der 35 noch gut, entspannt und schnell und vor allem mit einem gesunden Baby schwanger werden kann. Dazu bedarf es scheinbar nur der richtigen Ernährung, des richtigen Coaches, der*die mich anleitet, ein bißchen Geldinvestition und sogleich steht (m)einem Kinderwunsch nichts mehr im Wege. 

Passend dazu ist in der TAZ am vorangegangenen Wochenende (23./24. März 2019) ein wunderbarer Artikel darüber erschienen, wie Yoga im Kapitalismus angekommen ist, welche Erwartungshaltung von außen an Yoga herangetragen wird, welche viele von uns mittlerweile an ihre eigene Praxis haben und warum wir in unserer Freizeit zu Selbstoptimierung und Leistungssteigerung neigen, anstatt uns einfach mal eine Pizza vor dem Fernseher zu gönnen („Yoga macht unpolitisch“ von Jolinde Hüchtker https://www.taz.de/!5579648/?fbclid=IwAR026Gpmi7guhSTXFDfy4P0dtTRtJfDGyjjfDmBp4zEbWIGFXDgaZjm-3X4 ).

Oszillieren zwischen Extremen: Selbstoptimierung vs. psychische Erkrankung

Dass Selbstreflexion, das Bewusstwerden und Entsprechen unserer Bedürfnisse und das Annehmen von Hilfe für uns und für unsere Umwelt (Stichwort Epigenetik) wichtig sind, darüber entsteht gerade glücklicherweise ein allgemeines Einvernehmen. Denn psychische Erkrankungen und deren Diagnosen nehmen eher zu als ab. Aussitzen bringt nichts, sondern bewirkt eher das Gegenteil und das wirkt dann eventuell auch noch Generationen später nach. Es handelt sich also um das Gegenteil von Selbstoptimierung.

Aber kann es nur das eine oder das andere geben? Bin ich entweder selbstoptimiert oder krank? Wann brauche ich welche Hilfe oder Unterstützung? Und wie unterscheide ich, ob ein Angebot mir wirklich gut tut, notwendig ist oder nur meine momentanen Ängste, meinen Leidensdruck, meinen momentanen Zustand ausnutzt? Gerade dann wenn ich z.B. noch nie etwas von Kunsttherapie oder anderen kreativen Therapieangeboten gehört habe? Brauche ich wirklich Hypnobirthing, Coaching, Yoga, Meditation oder Therapie, nur weil alle davon reden? Hatte es nicht einen Grund, dass es vorher diese Angebote auch nicht in der Fülle gab?

Diese Fragen können nicht schwarz oder weiß beantwortet werden. Denn da wo wirkliche Hilfe angeboten und gebraucht wird, kann es genauso zu deren Ausnutzung und Missbrauch kommen. Etwas wovor übrigens gerade unter dem Hashtag #Psychotherapiedschungel auf Instagram gewarnt und dazu aufgeklärt wird.

strukturelle Hintergründe

Mal ganz abgesehen davon, dürfen auch strukturelle Gründe nicht außer Acht gelassen werden, wenn sich die Frage gestellt wird, warum es zur Zeit so eine Fülle an Angeboten rund um Selbstoptimierung, Selbstliebe, (Lebens-)Hilfe, Psyche, etc. gibt. Dann kann sich angeguckt werden, welche strukturellen Voraussetzungen es denn für diese Jobs gibt: So wird Selbstständigkeit z.B. vom Arbeitsamt gefördert, was einerseits zum Ziel hat, die Menschen aus der Statistik rausnehmen zu können, und gleichzeitig dazu führt, dass wirklich glücklicherweise viele davon profitieren können, die sonst fehlen würden. Es machen sich auch wesentlich mehr Frauen als Männer in diesen Bereichen selbstständig, da eine entsprechende Selbstausbeutung mit Familie meist einfacher zu vereinbaren scheint, als klassische Lohnarbeit und Frauen durch das Kinderkriegen häufig ein paar Jahre auf dem Arbeitsmarkt und auf der „Karriereleiter“ verlieren („Doing Ageing“ – ich habe das in den Stories gestern Abend auf Instagram schon kurz erwähnt), u.v.m. Das macht es alles nicht einfacher, sich zu orientieren.

Orientierungshilfe

Ich gehe selbst übrigens gerne zum Yoga. Ich habe dort ein paar Minuten für mich (momentan für mich und das Baby, das im Alltag mit zwei Kleinkindern etwas zu kurz kommt), ich treffe dort nette Menschen und ja, ich bleibe dadurch auch auf mehreren Ebenen aktiv. Ich erwarte aber keine Wunder und habe ehrlich gesagt nicht den Anspruch, mich irgendwie zu optimieren, in einem halben Jahr einen Kopfstand zu können, geschweige denn Atemübungen in schwierigen Momenten im Alltag anwenden und integrieren zu können. Es tut mir einfach gut.

Und das sollte im Vordergrund stehen: Tut es mir wirklich gut (und das möglichst auf mehreren Ebenen)? Kann ich etwas alleine bewältigen? Lässt es sich überhaupt bewältigen? Wie groß ist mein Leidensdruck?

Das hat übrigens nichts mit der Frage zu tun, ob etwas Trend ist also ob es alle gerade machen. Es muss aber auch keine altehrwürdige Methode sein. Neu oder Veränderung ist nicht per se schlecht (überhaupt nicht!).

Dabei helfen, die Fragen zu beantworten, kann eine intensive Aufklärung über die Methode, über die Verbreitung einer Methode, darüber ob es einen wissenschaftlichen, evidenzbasierten Unterbau gibt, ob dazu geforscht wird, ob es einen Berufsverband gibt etc. Außerdem sind Informationen über die Person, die dahinter steckt, unglaublich wichtig: Wie professionell wirkt sie? Wo hat sie ihre Ausbildung gemacht? Finde ich etwas zu ihr auch außerhalb ihrer Webseite? Was hat sie bisher getan? Ist sie mit anderen verknüpft? Welche Kontakte gibt es? Macht sie Werbung oder informiert sie?

Auch das Wissen über sich selbst kann eine ungemeine Stütze sein: Rede ich gerne über mich oder bin ich lieber aktiv? Kann ich Meditation anwenden? Wende ich sie auch wirklich an? Wie verhalte ich mich im Kontext einer Gruppe? Fühle ich mich wohl? Ordne ich mich eher unter? Passt die Methode zu mir, zu meinem Alltag?…

Die Gefahr solcher Angebote

Manchmal löst oben beschriebene Werbung genau das Gegenteil aus. Das sollte uns irritieren: “Wenn Sie etwas nicht machen, haben Sie nicht genug gemacht.” Für mich ein klares Zeichen, die Finger davon zu lassen. Schwierig finde ich nämlich Angebote, die suggerieren, dass wenn sie nicht besucht werden, das Geld nicht investiert wird, dass dann auch nicht alles getan wurde, um z.B. ein Kind zu bekommen. Denn dann trägt jede*r sozusagen die Schuld am eigenen Schicksal.. Gerade bei Sorgen und Nöten wie einem dringenden oder unerfüllten Kinderwunsch kann das fatal sein und ist so einfach nicht richtig. Denn diese Herangehensweise läuft auf eine Schuldfrage hinaus, die einfach nur fehl am Platz ist und Selbstzweifel nähren kann, die hier eher entschärft gehören.

Im Übrigen haben keine Frau und keine Familie das Recht auf ein gesundes Kind. In diesem Zusammenhang möchte ich auf den wundervollen Artikel „Wie viel Wissen tut uns gut?“ von Mareice Kaiser verweisen, der am 03. Februar 2019 auf ihrem Blog kaiserinnenreich.de erschienen ist (http://kaiserinnenreich.de/2019/02/03/wie-viel-wissen-tut-uns-gut/?fbclid=IwAR0cEWsT0S9RjQm5TiMJBjk9qc4sykiEE0jqugYWfAPLclCESmCisoBYsFI). Es ist also nicht möglich, sich in allen Bereichen zu optimieren. Im Gegenteil, es kann nur zu Frustration und Enttäuschung führen. Und was wäre schlimmer, als trotz aller Aktivität, trotz allen Kümmern immer wieder von uns selbst enttäuscht zu werden. So einfach ist es nämlich leider nicht.

Und auch das hat nichts mit Schuld zu tun. Es ist Schicksal, Leben, wie auch immer wir es nennen wollen. Es kann alles passieren, es kann nicht alles passieren, es gibt Wahrscheinlichkeiten oder Zufälle, aber keine Schuld, keine Verantwortung, vielleicht sogar nicht mal Pech. Und es macht auch keinen Sinn, sich ständig zu überlegen, was alles passieren kann, auch das bremst uns nur und führt zu Lähmung, um die sich wiederum auch gekümmert werden sollte…

Wir können nämlich nur dafür sorgen und uns dabei unterstützen lassen, einen guten Umgang mit unserem Leben und unserem Erleben zu finden Und daran können wir uns im Dschungel der Angebote orientieren.

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have a therapeutic attitude


Darf ich als Therapeut*in meine Meinung äußern?

Auf Instagram habe ich in meinen Stories die Frage gestellt, wie es heutzutage mit der therapeutischen Haltung aussieht. Muss ich als Therapeut*in das weiße, unbeschriebene Blatt sein, dass im psychoanalytischen Sinne zu möglichst vielen Übertragungen einlädt? Oder darf ich als Therepaut*in auch meine Meinung äußern und z.B. politisch sein?

Die Frage wurde glücklicherweise nicht eindeutig beantwortet. Denn so einfach zu beantworten ist sie gar nicht.

Was bedeutet therapeutische Haltung?

Ganz klar, es geht um eine Mischung aus Ethik und Authentizität. 

Grundsätzlich gilt natürlich, dass Therapeut*innen ihren Klient*innen gegenüber empathisch, offen und zugewandt sein sollten. Gleichzeitig sollte Raum für Übertragungen da sein, so dass den Klient*innen dadurch ermöglicht wird, ihre Gefühle erlebbar zu machen und sich mit ihren neurotischen Konflikten auseinanderzusetzen (in der Kunsttherapie funktioniert das übrigens auch mit den entstandenen künstlerischen Werken).

Aber ich darf auch als Therapeut*in tätowiert sein, mich für (ausgefallene) Mode interessieren oder mir die Haare färben. Ohne Authentizität wird es auch gar nicht gehen, denn wir sind die Gebilde all unserer Erlebnisse und Beziehungserfahrungen und unsere Klient*innen suchen uns schließlich, ob wir wollen oder nicht, danach aus, ob sie mit uns zurechtkommen und wir ihnen sympathisch sind, so dass sie uns vertrauen wollen. Eigenschaften, die wir uns auch nur bedingt antrainieren können und die bei jedem Menschen anders ausfallen, da jede*r sie anders empfindet. 

Und natürlich habe ich da noch ein Privatleben, in dem ich Hobbies nachgehe, in den Urlaub fahre, mich engagiere, habe Familie und Freunde und meist habe ich sogar selbst ein kleines Päckchen zu tragen, mit dem ich mich auseinandersetzen muss oder das mich belastet.

Welche Tabus gibt es?

Aber hier genau gibt es eine sehr deutliche Grenze: Mein Privatleben hat nichts in der Therapie zu suchen. Und damit meine ich nicht die Sammlung an Büchern oder die Lieblingsteesorte, auch wenn, wie Watzlawick schon gesagt hat, niemals nicht kommuniziert werden kann, sondern ich meine persönlichen Ansichten.

Ich befinde mich nämlich auf keinen Fall in der Position zu bewerten, zu belehren oder mich einzumischen. Das ist nicht die Aufgabe von Therapeut*innen.

Ich gehe grundsätzlich immer davon aus, dass meine Klient*innen zu mir kommen und Expert*innen für ihre Anliegen und ihr Leben sind. Es gibt kein richtig oder falsches Erleben, nicht den einen Weg. Ich helfe meinen Klient*innen konkret dabei, diese mit dem Medium der Kunst nach außen zu transportieren, zu reflektieren, die Perspektive zu wechseln, andere Blickwinkel aufzuzeigen und nach Lösungen zu suchen. Der individuell passende Weg wird gesucht und kann unvorstellbar unterschiedlich aussehen (wie das übrigens auch in der Kunst der Fall ist). Für mich ist dabei die Frage nach dem „Wie kommuniziere ich?“ wichtig und diese beinhaltet dann mögliche Tabus.

Ich bin nämlich als Therapeut*in nicht in der Position, auch wenn ich persönlich es vielleicht für richtig halten mag, Ratschläge für die Lebensgestaltung zu geben z.B. zu sagen, dass ich bei problematischen Schlafverhältnissen in der Familie ein Familienbett vorschlage, weil ich persönlich gute Erfahrungen damit gemacht habe. Aber ich kann die richtigen Fragen stellen, kann dazu einladen zu imaginieren, welche Möglichkeiten es gibt, und gemeinsam durchgehen, wie besserer Familienschlaf zustande kommen könnte. Wie geschrieben: Individuell in jedem Fall neu. Das dient nur als Beispiel (und macht im Übrigen den Beruf wahnsinnig spannend, herausfordernd und abwechslungsreich, denn es gibt niemals den einen Königsweg).

Warum ich mir diese Frage stelle?

Und dann poste ich hier seit ein paar Wochen in den sozialen Netzwerken, wie wichtig ich es finde, dass der §219a abgeschafft wird und dass sich die Geburtshilfe endlich ändern muss. Denn so kann es nicht weitergehen, sondern es ist sogar höchst gefährlich für die Entstehung von Bindungsstörungen, Traumatisierungen etc. Noch dazu rufe ich dazu auf, laut zu werden, Jens Spahn zu nerven oder Vereine, wie die Elterninitiative „Mother Hood e.V.“ (https://www.mother-hood.de/aktuelles/aktuelles.html) und die temporäre von Hebammen ins Leben gerufene Initiative „Lieber Jens“ (https://www.lieberjens.de) zu unterstützten. 

Ich kann aber für mich mit gutem Gewissen sagen, dass es mir um gesundheitspolitische Themen geht, die Einfluss auf meinen Beruf haben. Ich habe meine Berufung gewählt, weil ich mich für Frauen und ihre Rechte einsetze und stark mache. Und deshalb vertrete ich auch hier eine ganz klare Meinung.

Und was heißt das jetzt?

Insgesamt habe ich selbst für mich keine abschließende einheitliche Meinung getroffen. Ich frage mich jedes Mal wieder von Neuem, ob ich zu meiner Meinung nun stehen kann, ob sie angebracht ist oder ob sie Einfluss auf mein Verhältnis zu meinen Klient*innen haben könnte. 

Und das ist vermutlich die Lösung des ganzen Problems: Ich muss mich und meine Rolle jedes Mal wieder von Neuem reflektieren, hinterfragen oder auch supervidieren lassen, um gute Arbeit machen zu können.

Zum Weiterlesen:

  • Dannecker, Karin: Psyche und Ästhetik. Die Transformationen der Kunsttherapie, 2., durchgesehene Auflage, Berlin 2010.
  • Sachsse, Ulrich: Traumazentrierte Psychotherapie, Theorie, Klinik und Praxis, Stuttgart 2004.

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make yourself a good enough woman*

Was bewegt uns dazu “gute Schwangere”, “gute Mütter”, „gute Partner*innen“ oder “gute Töchter” sein zu wollen?

Dabei meine ich nicht, dass wir nicht für unsere Kinder, Partner*innen, Eltern etc. da sein wollen, sondern ich meine es in dem Sinn, dass wir, um es vermeintlich anderen recht zu machen oder einem gesellschaftlichen Bild zu entsprechen, über uns selbst hinweggehen, tapfer lächeln, obwohl uns eigentlich zum Weinen zumute ist, an unsere persönlichen Grenzen oder darüber hinausgehen oder uns anders verhalten, als es unserem Bauchgefühl entspricht.

Wie viele gibt es unter uns, die ein schlechtes Gewissen haben, weil sie ihre Schwangerschaft nicht genießen können, obwohl sie sich doch so sehr ein Kind gewünscht haben und dennoch will sich das Gefühl einfach nicht einstellen?

Wie viele Töchter gibt es, die ihren Müttern zuliebe doch ins Krankenhaus gehen, obwohl sie eigentlich ein Geburtshaus oder sogar eine Hausgeburt vorgezogen hätten?

Wie oft haben sich Mütter, die einen Kaiserschnitt hatten, hundeelend gefühlt und wussten nicht, wohin mit sich, und dennoch haben sie allen recht gegeben, die sagten, dass doch die Hauptsache ist, dass es allen gut geht?

Oder was ist mit den Frauen, die sich rechtfertigen zu müssen, weil sie bereits nach ein paar Wochen oder Monaten abgestillt oder gar nicht gestillt haben?

Natürlich sind das keine Phänomene, die plötzlich im Bereich des Kinderkriegens auftauchen. Wir kennen sie aus vielen anderen Bereichen. Bereits ab dem Kleinkindalter haben wir gelernt, uns angepasst zu verhalten, wie es von uns erwartet wurde, denn abhängig von den jeweiligen elterlichen Erziehungsstilen gab es uns mehr oder weniger das Gefühl dazu zu gehören oder lieb gehabt zu werden. Bei manchen war das ausgebildeter und manchmal auch notwendiger als bei anderen und bei vielen hat es sich zu bestimmten Glaubenssätzen manifestiert.

Aber nicht nur das familiäre Umfeld hat und hatte Einfluss auf unser Selbstbild, unsere Identität und unser Verhalten. Gerade gesellschaftliche Bilder, Medien, Werbung, Schule, manchmal auch Kirche oder ähnliches haben uns sehr stark darin geprägt, wie wir uns selbst sehen wollen oder wohin wir uns bewegt haben. Wir sind mit dem Gefühl aufgewachsen, bestimmten Erwartungen entsprechen zu müssen, um uns gut in die Gesellschaft einzufügen.

Dennoch stoßen wir immer wieder auf Situationen im Leben, die nicht zu uns zu passen scheinen, die uns zur Verzweiflung bringen, weil wir eben nicht den Bildern entsprechen, die an allen Ecken zwicken und drücken und in denen wir uns bewusst werden, dass wir nicht nach unseren eigenen Bedürfnissen handeln.

Gerade im Zusammenhang mit Kindern, wo Authentizität und Natürlichkeit so hoch angesetzt werden, merken wir häufiger, dass das, wie wir uns verhalten oder verhalten haben, ganz weit weg von uns ist. Und dieser Zwiespalt führt dann leider dazu, dass wir uns elend fühlen und ein schlechtes Gewissen entwickeln und den Fehler bei uns suchen. Wir wollen nicht, dass es auf uns zurück fällt, denn eigentlich wollen wir doch nur nach wie vor unbedingt selbst geliebt werden und dazu gehören.

Um aber für unsere Kinder da zu sein, reicht es vollkommen aus, eine ausreichend gute Mutter (nach Donald Winnicott, englischer Kinderarzt und Psychoanalytiker, 1896 – 1971) zu sein. Die „ausreichend gute Mutter“ („good enough mother“)[1] ist in der Lage, auf die Bedürfnisse ihres Babys einzugehen, zumindest so weit, dass sich das Baby nie komplett verlassen fühlt. Und das ist das Entscheidende daran.

Es geht nicht darum, es allen recht zu machen, es ist aber auch einem bedürfnisorientierten Zusammenleben nicht entgegengesetzt, sondern es geht darum, da zu sein, den wichtigsten Bedürfnissen nachzukommen, zu verstehen und auch Konflikte, Krisen und Frustration auszuhalten. Denn um diese können und dürfen wir und unsere Kinder auch nicht herumkommen.

Das sollten wir uns immer vor Augen führen und das können wir auch gut auf alle anderen Lebensumstände ummünzen: Wir sollten uns vornehmen, eine genügend gute Frau zu sein.

Denn dann können wir verstehen, dass unsere eigenen Bedürfnisse, Gefühle und unser Handeln da sind und wie wir sie selbstbestimmt umsetzen können. Sie mögen sich für andere vielleicht nicht richtig anfühlen, ihnen Angst oder sie sprachlos machen, aber wir gehen einer Diskussion nicht aus dem Weg. Wir helfen unserem Gegenüber dabei, mehr zu verstehen, neue Einblicke zu erhalten und wir wachsen selbst über uns hinaus. Dadurch verinnerlichen wir neue Muster und können uns vielleicht beim übernächsten Mal schon ein bißchen weniger mit uns selbst beschäftigen.

Es geht aber auch nicht darum, egoistisch – egal was kommt – unseren eigenen Weg durchzuboxen, sondern es geht darum, zumindest Kompromisse zu finden, die eben für alle ausreichende Optionen bereithalten und wenn sie nicht zu Verständnis führen, dann zumindest eine erwachsene Gesprächsebene bieten. Das wichtige, und das gilt insbesondere bei Kindern, ist in Beziehung zu bleiben.

Unsere Bedürfnisse, Gefühle und unser Handeln sind nämlich in Ordnung und dürfen sein. Gerade im Bereich Kinderkriegen ist es wichtig, dass wir unseren eigenen Weg finden und ihn auch gehen können. Das sind wir uns und unseren Kindern schuldig und auch nur darüber werden wir zu ausreichend guten Eltern. Es ist mit Sicherheit nicht der einfachste Weg, aber es lohnt sich ihn zu gehen.

Kennt Ihr das? Oder befindet Ihr Euch schon auf dem Weg. Wie geht es Euch damit?

 

[1] Winnicott, Donald: Transitional objects and transitional phenomena, in: International Journal of Psychoanalysis, 34, 1953, S. 89–97.

 

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