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Schlagwort: Grenzen setzen

draw your line

Die eigenen Grenzen sind etwas sehr sensibles, individuelles und sehr wichtiges. Doch leider werden sie viel zu oft verletzt und übergangen.

Manche Erlebnisse sind so augenscheinlich und klar, dass allgemeingültig von Übergriffen und Grenzverletzungen gesprochen wird. Häufig (nicht immer) sind die extremen Fälle mittlerweile gesetzlich geregelt. Das ist aber bei weitem nicht immer der Fall. Wie schwierig eine gesellschaftliche Debatte und ein allgemeingültiger Konsens ist, können wir z.B. an der #metoo-Debatte sehen. 

Was uns selbst betrifft, können wir oft gar nicht so genau sagen, was genau uns jetzt verletzt hat und noch viel weniger können wir etwas dagegen ausrichten oder meinen zumindest, dass wir das nicht können.

Viele Grenzüberschreitungen nehmen wir hin, weil wir denken, es muss so sein: Der Arzt, der uns überall anfasst, die Hebamme, die ohne Erklärung auf der Brust herumdrückt oder das Baby an sich reißt, die eigene Mutter, die weiß, was gut für uns oder das Baby ist, der Mann, der während wir im Park auf einer Bank sitzen und stillen, etwas zu lange auf unsere Brust starrt, die Nachbarin, die dem Baby die Nase putzt… 

Wir sind es gewohnt, dann denn Fehler bei uns zu suchen, unser eigenes Verhalten oder unsere Gefühle anzuzweifeln („ich hätte die Rotznase schon längst selbst putzen können. Bin ich eine schlechte Mutter?“) und dem übergriffigen Gegenüber eine Macht aufgrund einer angeblichen Expertise zuzugestehen, die mehr als zweifelhaft ist.

Darauf zu achten, dass unsere Grenzen eingehalten werden, erfordert wahnsinnig viel Übung, Stärke und Selbstkenntnis. Denn meist folgen wir in unserem Verhalten Mustern, die sich fest eingebrannt haben und die wir meist seit Kleinstkindalter perfektioniert haben. Die Gesellschaft, unsere gesellschaftliche Stellung, transgenerationale Überlieferungen und Verhaltensmuster spielen dabei ebenso eine große Rolle, wie die eigenen kindlichen (Beziehungs-)Erlebnisse mit den eigenen Eltern, mit Lehrer*innen oder anderen Menschen. 

Theoretisch müssten wir uns zuerst einmal mit den begangenen Grenzverletzungen beschäftigen und sie als das anerkennen, was sie sind, bevor wir uns dem zuwenden, was wir in Zukunft nicht wollen. 

Das ist ein gehöriger Berg Arbeit und er führt häufig erst einmal nicht dazu, dass wir uns besser fühlen, sondern provoziert innere und äußere Konflikte, ist anstrengend, unangenehm und manchmal auch nur schwer auszuhalten. Manchmal tauchen sogar traumatisierende, verdrängte Erlebnisse wieder auf. 

Und wir hören dann häufig, dass doch alles gar nicht so schlimm war, wir uns nicht so anstellen sollen, es gute Gründe gab und dass unsere Gefühle übertrieben seien. 

Der Mensch hat das Bedürfnis zu verdrängen und zu glätten. Ob das langfristig, dazu führt, dass wir zu uns selbst ein gutes Verhältnis haben, ist die Frage. Im schlimmsten Fall fügen wir uns selbst Verletzungen zu oder führen sie absichtlich herbei, um eine Bestätigung dafür zu bekommen, dass Fehler wirklich auf unserer Seite liegen.

Es ist aber wirklich wichtig, mit uns und unseren Bedürfnissen in Kontakt zu bleiben und uns mit uns und unseren Gefühlen gerade bezogen auf unsere Grenzen auseinanderzusetzen.

Jede*r von uns hat ganz eigene, individuelle Grenzen und die sind völlig in Ordnung. Und es ist vollkommen in Ordnung, andere darauf hinzuweisen, auch wenn die Erlebnisse in der Vergangenheit stattgefunden haben, und erst recht, wenn wir eine Grenzverletzung erleben oder auf uns zukommen sehen. Wir müssen lernen, gut für uns selbst zu sorgen! Denn in der Regel wird diese Aufgabe niemand für uns übernehmen bzw. können wir das auch nur von einem wohlwollenden Gegenüber annehmen, wenn wir uns selbst gut verstehen.

Wir sollten uns im Übrigen auch im Kontakt mit anderen bewusst machen, dass wir selbst auch Grenzen verletzen können. Gerade verbal passiert das wahrscheinlich regelmäßig immer mal wieder. Wichtig ist, dass, wenn wir es wahrnehmen, wir uns entschuldigen. Der Änderungsprozess wird, so lange wir spüren, dass etwas nicht in Ordnung war und wir dafür die Verantwortung übernehmen, von selbst einsetzen.

Und diese Hoffnung sollten wir auch bei unserem uns verletzenden Gegenüber haben. 

Darum dürfen wir nicht still sein und hinnehmen, sondern wir müssen klare Grenzen setzen und lernen für unsere Bedürfnisse einzustehen.

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