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Schlagwort: Frauenrechte

make obstetrical violence against women* visible

Viele Menschen sind immer noch ganz überrascht, wenn sie mit Gewalt in der Geburtshilfe konfrontiert werden. Manche haben überhaupt kein Verständnis dafür, warum das Thema in die Öffentlichkeit getragen werden muss. Manche haben auch kein Verständnis für die Frauen, die Gewalt erlebt haben, und wiederum andere haben Angst, dass Schwangere unnötig getriggert werden könnten und nicht mehr entspannt in die Geburt ihres Kindes gehen können. 

Die Gedanken, die vorzuherrschen scheinen, sind ungefähr folgende: 

Was soll Gewalt in der Geburtshilfe überhaupt sein? Ist das nicht alles ein wenig engstirnig betrachtet? Wenn es doch notwendig war! Hauptsache alle sind gesund! Vielleicht bist Du einfach zu sensibel? Früher gab`s das so auch nicht. Ihr wollt Euch doch alle nur in den Mittelpunkt stellen und ein Thema künstlich aufbauschen. Die Ansprüche heutzutage sind einfach zu groß, die Frauen zu weich… Von Roses Revolution gibt ein ganzes Bullshitbingo dazu.

Zunächst einmal: Es gibt kein zu sensibel, kein falsch verstanden, kein „Hauptsache physisch gesund“. Psychische und physische Gesundheit hängen eng zusammen und jede Frau erlebt und empfindet anders. Dabei gibt es auch kein richtig oder falsch.

Jede Frau befindet sich unter der Geburt in einer besonders sensiblen, sogar existenziellen Phase. Sie ist zu diesem Zeitpunkt sehr verletzlich und leistet Unglaubliches. Sie ist dabei, sich vollkommen zu öffnen, um ihr Baby auf die Welt zu bringen.

Dazu braucht sie Sicherheit, Ruhe und wirkliche, empathische Unterstützung, die ihr als aktiver Akteurin dabei hilft, ihr Baby zu bekommen. Die Frau bekommt nämlich das Baby, niemand sonst. Sie gebiert es. 

(Übrigens nimmt auch bei einer Sectio die Mutter alleine unglaubliches auf sich, um ihr Baby auf die Welt zu bekommen.)

Alles andere, auch wenn es für die*den Geburtshelfer*in praktikabel und bewährt sein mag, ist ein Eingriff von außen und kann als übergriffig und Gewalt empfunden werden. Ich schreibe „kann“, denn jede Frau empfindet Hilfe anders und es gibt auch Menschen, die erwarten, Unterstützung ohne große Anfrage oder Hinweis zu bekommen, denn sie haben dieses Verhaltensmuster von klein auf erlernt und für sich perfektioniert. Das muss ganz individuell betrachtet werden.

Aber in jedem Fall sieht die ganze Sache bereits anders aus, sobald ein ehrliches Einverständnis gegeben wird – denn meistens geht es hierbei nicht um eine Leben- oder Tod-Entscheidung – und möglichst feinfühlig erklärt wurde, was geschehen soll und warum.

Es geht also um die richtige Kommunikation, die nicht immer nur verbal sein muss, es aber meistens ist, insbesondere dann, wenn es noch kein zugrundeliegendes Vertrauensverhältnis gibt. Es geht darum, die Eltern miteinzubeziehen und ihnen das Wissen an die Hand zu geben, was mit ihnen und ihrem Baby passiert. 

Eine gute Geburtshilfe ist ein sensibles, vertrauensvolles Zusammenspiel von werdenden Eltern und Geburtshelfer*innnen, was natürlich eine Herausforderung ist, gerade dann wenn es sich um eine erste Begegnung, wie es im Krankenhaus häufig der Fall ist, handelt. 

Aber alles andere darf zurecht von den Eltern als übergriffig, fehl am Platz bis hin zu Gewalt empfunden werden. Und niemand darf das den Eltern absprechen.

Es handelt sich also nicht nur um die Ohrfeige, damit sich die Gebärende endlich mal zusammenreiße, oder den Kristeller-Griff, der ohne Vorankündigung durchgeführt wird und oft als “und dann hat sich jemand auf meinen Bauch geschmissen” beschrieben wird, sondern es handelt sich ganz zugrundeliegend um die verbale und nonverbale Kommunikation mit der Schwangeren.

 Es geht auch nicht allein um die Begleitung während der Geburt, sondern um die gesamte Schwangerschaft. Denn gerade wenn eine Frau das erste Mal schwanger ist und mit Erstaunen und oft auch mit Sorgen die Veränderungen, die in und an ihr vor sich gehen, wahrnimmt, lässt sie sich leicht von außen beeinflussen und nimmt sich jede kleinste Geste, die ihr z.B. irgendwie Aufschluss über ihre momentane Situation geben könnte, zu Herzen. Da kann ein unbedachter Ausbruch, ein Wort, ein Nebensatz die Frau in totale Panik versetzen, die auch den weiteren Verlauf der Schwangerschaft, manchmal auch ihr gesamtes Leben prägen. Werdende Eltern wollen Informationen, sie wollen wissen, was mit ihnen vorgeht, sie haben es zu großen Teilen verlernt, rein auf ihren Körper und ihre Gefühle zu hören, denn eine Schwangerschaft ist und bleibt eine Ausnahmesituation, die nicht alltäglich ist und die ungeheuer viel körperliche und vor allem emotionale Leistung abverlangt.

Seit 2011 gilt die Istanbul Konvention, in der völkerrechtlich verbindliche Rechtsnormen in Bezug auf Gewalt gegenüber Frauen, und dazu gehört auch die Geburtshilfe, geschaffen wurden. Das Ganze ist rechtsbindend.

Und immer noch kommen tagtäglich Geschichten ans Licht, die an einen rechtsfreien Raum im Kreißsaal – und leider nicht nur da – denken lassen. 

Wir reden von Menschenrechten, von Frauenrechten, davon dass wir 2019 haben und alle Frauen*, egal welcher Ethnie oder Religion sie angehören, in vielen Bereichen immer noch um ihre Rechte kämpfen müssen, nicht gleichberechtigt sind und sie nicht als selbstverständlich hingenommen werden.

Das ist jetzt ein ziemlich weiter Ausflug in die Ethik, aber einer (therapeutischen) Arbeit mit Menschen sollten immer ethische Normen und ein positives Menschenbild zugrunde liegen, das hier durchaus seinen Platz haben darf. Es ist Voraussetzung für gute Arbeit mit Menschen.

Eine Frau, deren letzte Geburt bereits vier Jahre zurückliegt, erzählte mir, dass sie nach wie vor panische Angst vor Krankenhäusern habe, weil sie einmal während der Schwangerschaft aufgrund einer Komplikation in der Notaufnahme gelandet ist “und sich wie ein zu begutachtendes Vieh” gefühlt habe. Der Sprachgebrauch war grob, der Informationsfluss gering und am Ende wurde die Frau in ihrer existenziellen Angst alleine gelassen und diese sogar noch geschürt. Es bewegt sie noch heute.

Und darum geht es letztendlich: Eine Schwangerschaft und eine Geburt sind existenzielle Momente im Leben. Selten sind wir so sensibel und so beeinflussbar wie in dieser Zeit und die Erinnerungen, die mit allen Sinnen erfahren wurden, bleiben und sie bleiben auch weiterhin verletzend. Denn eigentlich hätte man Trost, Verständnis und Halt benötigt. 

Diese Erlebnisse sollte man nicht hinnehmen und verdrängen. Schließlich ist einem Unrecht widerfahren! Es ist wichtig darüber zu reden, aufzuzeigen, wo Unrecht geschehen ist und zu enttabuisieren. Und darum geht es, wenn wir – und wir werden immer mehr – aufklären.

Natürlich können zu viele Geschichten über Gewalterfahrungen Angst machen. Eine Triggerwarnung voranzusetzen, halte ich auch für sehr wichtig. 

Aber nur, wenn auch Frauen, die Schlimmes erlebt haben – übrigens egal wann, denn Gewalt gegenüber Frauen gab es schon immer, es gab nur durchaus Zeiten, in denen Frauen noch weniger Gehör gefunden oder Solidarität untereinander erfahren haben -, ihren Raum bekommen und nicht das Gefühl haben, abgewürgt zu werden oder alleine zu sein, können wir für eine Enttabuisierung sorgen sowie sensibilisieren und auch nur dann kommt es zu einem Austausch.

Frauen müssen erfahren, dass sie nicht allein sind, dass es Möglichkeiten gibt, sich helfen zu lassen, dass sie die Schuld nicht bei sich suchen müssen. Und der Weg, es anzunehmen, sich darum zu kümmern, jemanden oder eine Therapieform zu finden, die hilft, dauert.

Mit Sicherheit müssen Schwangere nicht bis ins Detail wissen, was alles passieren kann. Aber auch sie haben ein Recht darauf zu erfahren, dass es zu Gewalt kommen kann und dass sie sich vorbereiten müssen, denn die momentanen Zustände in den Kreißsälen, der akute Hebammen- und Personalmangel und wirtschaftliche Faktoren können eben dazu führen. 

Leider kann aber nicht jede gute Vorbereitung solche Erfahrungen verhindern. Aber gemeinsam arbeiten wir daran.

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