Visit Homepage
Zum Inhalt springen

make politics

Wenn der Kinderwunsch nicht zur Politik passt

Ein persönlicher Bericht aus dem Frühjahr 2018

Wir würden gerne noch ein drittes Kind bekommen und ich bin deswegen leicht bis massiv gestresst. 

Ich möchte dieses Kind zwar nicht jetzt, sondern irgendwann 2019 bekommen, denn eigentlich erhole ich mich gerade noch von meiner letzten Geburt und hatte mir einen größeren Abstand mit etwas Pause zwischen dem zweiten und dritten Kind gewünscht, in der ich zur Abwechslung mal nicht an Zyklus, Schwangerschaft, Babys etc. denke, aber die Pause ist jetzt und sie fühlt sich überhaupt nicht wie eine Pause an. 

Ich habe bereits zwei Kinder und der eine oder die andere könnte sagen, dass es dann vermessen sei, gestresst zu sein und Angst zu haben, niemanden für eine weitere Geburt zu finden. Denn natürlich kann ich es auch einfach dabei belassen und gut ist. Sie lebten friedlich bis an ihr Lebensende oder so. Ich finde aber, dass das „Warum jemand wie viele Kinder bekommt“ hier nichts zu suchen hat. Die momentane Situation stresst mich jedenfalls latent. 

Der Hebammenmangel nimmt immer größere Dimensionen an und es werden gleichzeitig wieder mehr Kinder geboren. Was auch immer letztendlich ausschlaggebend ist, ist eigentlich egal. Es liegt nicht in meinem Ermessen, entzieht sich meiner Kontrolle und verlangt dennoch so große Kontrolle und Weitsicht von mir, dass ich mindestens einmal täglich daran denken muss. Und dann denke ich nicht mit einer freudigen Erwartung an eine weitere lustige kleine Persönlichkeit, die unsere Familie komplett machen könnte, sondern ich denke sorgenvoll daran, wie es mir gehen könnte, wenn ich keine Begleitung finde, was alles passieren könnte und dass ein Aufschub es auch nicht besser machen wird.

Ich habe zwei sehr unterschiedliche Geburten hinter mir und obwohl ich beide Male von einer Beleghebamme begleitet wurde, habe ich die erste als traumatisierend und die zweite als wundervoll erlebt. Ich weiß also auch, dass ich nicht XY bei meiner Geburt dabei haben möchte, sondern dass es auch da auf die Chemie ankommt. Ich stelle also auch noch Ansprüche. Weiter habe ich gelernt, dass es mir sehr gut tut, zwischen den Schwangerschaften, Geburten und Stillzeiten meiner Kinder ein wenig Abstand zu haben, mich selbst zu finden und Zeit für mich, meine Partnerschaft und meinen Job zu haben, um mich dann auf ein weiteres Kind gut einlassen zu können. Das ist in Zeiten der Geburtenkontrolle durch selbstbestimmte Verhütung einigermaßen möglich aber natürlich nicht voll kalkulierbar, denn beim ersten Kind brauchte mein Körper beinahe ein ganzes Jahr, um schwanger zu werden, beim zweiten nicht einmal einen Zyklus und auch Fehlgeburten sind leider keine Ausnahme und können jede* betreffen. 

Die Hebammensituation ist gerade katastrophal und in manchen Zeiträumen ist sie sogar noch ein wenig schlechter, wenn es auch nachvollziehbar ist. 

Ich hatte damals Glück: Mein kleines Kind wurde im August geboren und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie allein gelassen ich mich gefühlt habe, als meine Frauenärztin meinte, dass sie im Sommer zwei Wochen lang die Praxis schließe (pünktlich zum Geburtstermin), dass das Schwangerenyoga ausfalle und auch die Kita Schließzeit habe und mein großes Kind somit zu Hause betreut werden müsse. Zum Glück hatte ich damals meine Beleghebammen, die nach der Elternzeit gerade wieder in den Beruf einstiegen und auch in den „Ferien“ Frauen annahmen, so dass ich mich rundum versorgt fühlte. Bei den Hebammen meldete ich mich übrigens direkt nach dem positiven Test damals vor über zwei Jahren, als meine Frauenärztin noch nicht der Überzeugung war, dass es sich wirklich um eine Schwangerschaft handeln könnte, denn bis auf eine erhöhte Gebärmutterschleimhaut war nichts zu sehen. 

Nun hat Christine Küsters-Niersmann den „Zeug-o-mat“ (2018) ins Leben gerufen, um auf die dramatische Situation hinzuweisen und damit bei der Planung einer Schwangerschaft der Hebammenmangel im Blick behalten wird. Meine Hebamme zählt die Tage runter, die noch bleiben, um ohne Verhütung Sex zu haben.

Das alles tut genau das, was es soll: Es triggert.

Es triggert so dermaßen, dass ich anstatt meine geplante entspannte Auszeit vom Kinderkriegen zu nehmen, Aperol Spritz zu trinken, im Job aufzugehen – jetzt, wo endlich alles rund läuft und wir im Leben zu viert angekommen sind in dem Bewusstsein, dass sich noch einmal alles verändern wird – und meine zauberhaften kleinen Kinder zu genießen nun permanent darüber nachdenken muss, wann der günstigste Zeitpunkt ist, mir meine Kupferspirale ziehen zu lassen: 

Vor unserem Urlaub? Aber wenn es gleich klappt, wäre das eindeutig zu früh und auch da würde ich vermutlich keine Hebamme für den erratenen Termin finden. Nach dem Urlaub? Das wäre ideal, vorausgesetzt, meine Gynäkologin gibt mir einen Termin und ist nicht im Urlaub und vorausgesetzt ich werde dann sofort schwanger… Und was wenn ich nicht sofort innerhalb von vielleicht drei Zyklen schwanger werde? Verschiebe ich das Thema wieder um ein ganzes Jahr? Denn danach wäre es schon wieder zu spät, dann würden wir ja schon wieder in den Sommer hineinkommen und dann ist wieder niemand da… Was passiert, wenn ich eine Fehlgeburt haben werde? Was ist, wenn…?

Und dann werde ich wütend. Ich werde wütend, weil ich mir diese Gedanken mache. Ich werde wütend, weil die Politik immer noch nichts tut. Ich werde wütend, weil einerseits Kinderkriegen gefördert werden soll und der Babyboom hochstilisiert und gefeiert wird, aber Eltern bereits beim Kinderkriegen alleingelassen werden und gleichzeitig so dermaßen abhängig sind von einem funktionierenden System, auf das sie selbst keinen Einfluss nehmen können.

Wir sollen leisten und zahlen und geben und alles alleine bewerkstelligen und dann möglichst schnell alles Unangenehme vergessen, denn mit Baby auf dem Arm ist alles einfach Glück und außerdem gibt’s ja Kindergeld. Juhu! 

Es ist eine Schande, dass es in einem der reichsten Länder der Welt so aussieht, dass vorwiegend wieder einmal Frauen* ihre Selbstbestimmung aufgeben müssen in einem Bereich, der sich der Kontrolle eigentlich entziehen kann, etwas durch und durch natürliches, biologisches und vor allem etwas privates ist. Es ist grauenhaft, dass wir nicht einmal mehr unserem Körper Zeit geben können, schwanger zu werden, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, sondern dass auch dieser Bereich des Lebens durch Wirtschaftlichkeit und Lobbyismus bestimmt wird… 

Kinderbekommen nach Plan: Auch das ist Gewalt in der Geburtshilfe. 

Es kann so nicht weitergehen! Es muss etwas passieren! Wir wissen so viel und setzen so wenig um. Ich fände es sehr schade, wenn irgendwann nur noch außerhalb der Ferienzeiten Kinder auf die Welt kommen. Was für eine traurige Welt wäre das denn bitte?!

5 Kommentare

  1. Genau das ist es: Gewalt. Gewalt vor allem an den Frauen auch, wenn die Männer mitbetroffen sind. Auch diese Erwartungshaltung der Leistungsgesellschaft schimmert da durch. Wie alles auch planner sein soll und dann, wenn es günstig ist, auch klappen muss. Fehlgeburten, Nicht-Einnisten, Zyklusschwankungen … alles das torpediert die gute. Entsorgung, dabei wird die Versorgung der Frauen bei Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett allein durch diese tatenlose männliche Kaptitalmaximierungspolitik torpediert.

  2. Frauke Frauke

    Und dann musste ja auch noch zusehen, dass das Kind nicht nach September/ vor Mai auf die Welt kommt, sonst haut das mit dem Kitaplatz ab neuem Kitajahr (August) nicht hin. Das Elterngeld ist aber leider schon im Winter alle, da gewöhnt aber ja kaum eine Kita ein, solltest Du überhaupt einen Platz gefunden haben. Also abzüglich Ferien am Besten nur einen Geburtstermin im Juni anpeilen, dann passts!

    • Hannah Hannah

      Ja, liebe Frauke, da hast Du vollkommen recht. Und das ändert sich ja auch jedes Jahr, weil die Schulferien immer weiter nach vorne rücken und variieren. In diesem Jahr beginnen sie übrigens am 21. Juni. Also sollte das Baby bestenfalls vorher kommen (der Zeitraum wird immer kleiner). Es geht bereits vor der Geburt eines Menschen um Leistung und Funktion und ist damit möglichst weit entfernt von echtem Leben, das nun mal nicht planbar ist. Und dann wird sich über die Zunahme psychischer Erkrankungen gewundert, obwohl es doch nur eine logische Folge sein kann, dass wir uns von uns selbst und unserem Selbst entfernen, denn ohne Anpassung scheint es nicht mehr zu gehen…

  3. Susanne! Heimrod Susanne! Heimrod

    hallo hannah,
    ein sehr persönlicher bericht, in dem sich wohl viele frauen auf die ein oder andere weise wiederfinden können. er zeigt auch, frau steckt doch immer noch zwischen eigenen wünschen, sehnsüchten und den gesellschaftlichen gegebenheiten mächtig fest.
    liebe grüße
    kila-susanne

    • Hannah Hannah

      Hallo Susanne,
      ja, es ist ein sehr persönlicher Bericht. Und Du fasst das Problem dahinter, das wohl den Einzelfall dann verallgemeinert, sehr passend zusammen. Ein Zwispalt zwischen privat und gesellschaftlich…
      Liebe Grüße Hannah

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.